Aus jedem Trumpf einen Fluch machen

 

Trotz einer gewissen politischen Stabilisierung ist Guinea-Bissau nach wie vor hochgradig korrupt

 

David Signer, Bissau

 

Guinea-Bissau ist ein Narcostaat, der einzige in Afrika. Manche sagen sogar, es sei der einzige richtige Narcostaat der Welt, weil hier selbst die höchsten Chargen in den Kokainschmuggel verwickelt sind. Vor vier Jahren überführte die amerikanische Drogenbekämpfungsbehörde DEA den ehemaligen Marinekommandanten Bubo na Tchuto und brachte ihn hinter Gitter. Er hatte den verdeckt operierenden DEA-Agenten vorgeschlagen, mehrere Tonnen Kokain in Guinea-Bissau zwischenzulagern und von hier in die USA weitertransportieren zu lassen. Ebenfalls involviert waren der Armeechef Indjai und der Luftwaffenchef Papa Camara. Zu jener Zeit erreichte jede Nacht bis zu einer Tonne Kokain aus Kolumbien und Venezuela den Kleinstaat Guinea-Bissau und wurde dann auf dem Landweg durch halb Afrika bis zum Mittelmeer transportiert.

 

Das Militär behält auch in der Politik das letzte Wort. Als Anfang 2012 Carlos Gomes Júnior bei der Stichwahl kurz davorstand, Präsident zu werden, setzte ihn das Militär kurzerhand fest und annullierte die Wahlen. Der Grund für die Intervention war offensichtlich: Gomes hatte kein Hehl daraus gemacht, dass er als Präsident Schluss machen würde mit den Drogengeschäften.

 

Arm und instabil

Wer indes nichts wüsste von diesen Abgründen, käme vor Ort nicht darauf. Es gibt kaum eine friedlichere, entspanntere Hauptstadt in Afrika als Bissau. Als weisser Fremder wird man von keinen Führern oder Händlern belästigt. Es herrscht eine leicht melancholische Lebensfreude, die zur heruntergekommenen Altstadt mit ihren verblichenen Kolonialbauten passt. Die Bewohner haben, wie ihre Sprache, das melodische Kreol, etwas Weiches und Warmes an sich. Der alte Hafen ist, was andernorts in der Welt zunehmend unmöglich wird, frei zugänglich. Man schlendert über den glitschigen, stinkigen Pier, schaut sich das gekenterte Schiff an, das an der Mole vor sich hin rostet, und fühlt sich angesichts der wackligen Fischerboote, der billigen Imbissstuben und der Mädchen hinter den kleinen Holzkohlegrills in eine frühere Zeit zurückversetzt.

 

Guinea-Bissau gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und ist politisch extrem instabil. Das macht es für die Drogenbarone attraktiv. Die meisten Schlüsselpersonen sind leicht und günstig zu bestechen, und ein Putsch mehr oder weniger fällt kaum auf. Ein Teufelskreis: Einerseits florieren illegale Geschäfte am besten in einem chaotischen Umfeld, andererseits kann sich ein Land, das nach der Pfeife von millionenschweren Dealern tanzen muss, kaum entwickeln und demokratisieren.

 

Wie konnte es zu dieser fatalen Abhängigkeit kommen? Guinea-Bissau ist von der Natur gesegnet: Es verfügt über ausreichende Regenfälle, Flüsse, fruchtbare Erde, riesige Wälder mit Edelhölzern und Meerzugang. Es gibt Bauxit, Phosphat, Erdöl, Erdgas, Gold, seltene Erden. Mit den Bijagos-Inseln, einem riesigen Naturreservat, wäre es auch für einen gehobenen Tourismus attraktiv. Die Landwirtschaft ist geprägt durch Selbstversorgung, die Cashewnuss ist praktisch das einzige Exportgut. Das macht das Land anfällig für die Folgen von Preisschwankungen.

 

Die meisten Bodenschätze werden bis jetzt noch nicht ausgebeutet. Angesichts der schwierigen Umstände muss man wohl sagen: zum Glück. Guinea-Bissau hat ein besonderes Geschick, aus jedem Trumpf einen Fluch zu machen. Die Wälder beispielsweise wurden jahrelang hemmungslos abgeholzt, ohne jegliche Wiederaufforstung. Das grosse Geld machten die Chinesen. Jetzt wurde ein Verbot erlassen, doch die Zerstörung geht weiter. Nun ist es die chinesische Mafia, die direkt in die Dörfer geht, den Bewohnern Bares und Werkzeug in die Hand drückt und die Stämme abtransportiert. Selbst für Besucher ist es leicht, die beladenen Lastwagen auszumachen. Im Gespräch hat ein ehemaliger Minister nur ein Lachen für das staatliche «Moratorium» übrig. «Was bringt ein Verbot, das nicht durchgesetzt wird?», fragt er und fügt hinzu: «Der Handel mit Kokain ist auch verboten, oder?»

 

Interessant ist der Ansatz der Schweizer Entwicklungsorganisation Swissaid, seit 1980 in Guinea-Bissau tätig. Sie unterstützt die Schaffung von gemeinschaftlichen Dorfwäldern, die durch gewählte Komitees unterhalten und überwacht werden. Das erschwert es Einzelnen, heimlich Holz zu verschachern, die kollektive Verantwortlichkeit wird gestärkt. Ein Videoclip mit den bekanntesten Musikern des Landes sensibilisiert die Bevölkerung für das Problem. Mit dieser Förderung der Bürgergesellschaft hofft Swissaid, auch die Demokratie zu stärken.

 

Hummer und sechs Frauen

Schon die Geburt Guinea-Bissaus war mit erheblichen Komplikationen verbunden. Unabhängig von Portugal wurde das Land erst 1974, als die andern afrikanischen Staaten längst auf eigenen Beinen standen. Der Befreiung ging ein mehr als zehnjähriger Krieg voraus, unter der Führung des charismatischen Amilcar Cabral, der im Januar 1973 ermordet wurde. Damit war das Land kurz vor seinem Triumph über die alte Kolonialmacht seiner Integrationsfigur beraubt, und die Kämpfe um deren Nachfolge setzten schon ein, bevor der neue Staat entstanden war. Damals gab es lediglich eine Handvoll Akademiker im Land. Die durchschnittliche Dauer des Schulbesuchs liegt noch heute bei nur gerade 2,8 Jahren.

 

«Cabral schaute in die Zukunft», sagt der ehemalige Minister. «Die heutigen Politiker hingegen schauen nur an sich selber herunter. Sie betrachten ihren Bauch und ihr Geschlecht und denken an das Dinner mit Hummer, ihre sechs Frauen und die Ferien an der Côte d'Azur.» Jeder neue Minister wisse, dass ihm nur eine kurze Zeit der Macht beschieden sei. Also konzentriere er sich darauf, rasch viel Geld in Sicherheit zu bringen. An längerfristigen Projekten sei niemand interessiert.

 

Am längsten hatte João Bernardo Vieira das Land regiert, vom Putsch im Jahre 1980 bis 1999, als er nach einem Militärcoup und einem Bürgerkrieg mit 5000 Toten nach Portugal floh. 2005 schaffte er es dank massivem Stimmenkauf erneut ins höchste Amt. Aber auch mit ihm nahm es ein böses Ende. Am 2. März 2009 erschossen ihn Soldaten beim Verlassen seines Hauses. In Bissau erzählt man sich, er habe kurz vorher seinen magischen Ring verschluckt. Das brachte seine Häscher fast um den Verstand. Sie zerstückelten ihn zentimeterweise, um das Objekt zu finden. Umsonst. Es heisst, es gebe ein Zimmer im Präsidentenpalast, das bis heute niemand betrete. Sein Geist irre dort herum.

 

Im Mai 2014 gewann José Mário Vaz die Wahlen. Nach dem Fiasko mit den DEA-Agenten und der Entsendung der Uno-Friedenstruppe Ecomib sah es nach einer Beruhigung aus. Der Transittransport mit dem «weissen Gold» wurde gedrosselt oder wurde zumindest diskreter. Seit einiger Zeit zieht der Handel jedoch offenbar wieder an. Ein Diplomat sagt, das Militär habe über dermassen gigantische Kokainvorräte verfügt, dass man sich einen längeren Einfuhrstopp ohne Gewinneinbussen habe leisten können. Die Uno schätzt, dass Kokain im Wert von mindestens einer Milliarde Dollar jährlich über Westafrika nach Europa transportiert wird.

 

Die 80 dem Land vorgelagerten und teils unbewohnten Bijagos-Inseln sind ideal für die diskrete Landung der Drogentransporter. Auch dass man in Guinea-Bissau Portugiesisch spricht, dürfte den südamerikanischen Drogenbaronen gefallen. Und mit Geld lässt sich vieles bewegen. Jeder weiss, dass zeitweise sogar Hauptstrassen im Landesinnern nachts gesperrt und beleuchtet wurden, damit die Schmuggelflugzeuge dort landen konnten. Schliesslich gibt es noch eine ethnische Komponente. Die Armee wird von den Balante dominiert; zur militärischen kommt die tribale Solidarität hinzu, verbunden mit einer ethnisch grundierten Ablehnung der Regierung.

 

Pseudokundgebungen

Die Einheimischen reden erstaunlich offen über das Drogenthema und die Verstrickungen des Militärs. Jeder weiss zum Beispiel, in welchem Hotel der Stadt umgeladen wird. Die Regierung hütet sich, politisch Andersdenkende ins Gefängnis zu werfen, zu foltern oder umzubringen. Man will der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas keinen Vorwand für einen Einmarsch liefern, so wie Anfang des Jahres im nahen Gambia. Zwar wurde Ende Juni portugiesischen Korrespondenten die Arbeitserlaubnis entzogen, aber sonst konzentriert sich das Militär auf das Wesentliche: dafür zu sorgen, dass die Regierung ihren Geschäften nicht in die Quere kommt. Das geht so weit, dass internationale Institutionen wie Interpol relativ ungestört recherchieren können. Erst wenn sie intervenieren wollen, werden sie gestoppt. Sie haben sich nun insofern angepasst, als sie Drogenlieferungen, von denen sie Wind bekommen, erst kurz vor dem Eintreffen in Spanien abfangen – wenn die Schmuggler schon möglichst viel investiert haben.

 

Zum sowieso schon schwachen Staat kommt nun hinzu, dass sich Regierung und Parlament seit zwei Jahren gegenseitig blockieren. Die Verwaltung ist praktisch zusammengebrochen. Schulen, Spitäler, Polizei und Justiz funktionieren nur noch rudimentär. Die Postangestellten beispielsweise erhalten seit Jahren kein Salär mehr. Trotzdem gehen sie täglich zur Arbeit, um ihren Anspruch auf eine eventuelle Nachzahlung am Sankt-Nimmerleins-Tag nicht zu verlieren. Die ausstehenden Lohnzahlungen verstärken die Korruption. Alle paar Kilometer werden die Autofahrer gestoppt und geschröpft. Das ist noch absurder, wenn man sich die Ladungen voller Kokain vergegenwärtigt, vor denen dieselben Uniformierten die Augen verschliessen. Weigert sich aber ein normaler Bürger, «Trinkgeld» zu bezahlen, finden die Polizisten bestimmt einen Grund für eine Busse, und sei es das Fehlen eines Feuerlöschers im Auto. Manchmal hilft der poetisch-traurige Humor. Als der Polizist den Fahrer fragt, was er ihm gebe, antwortet er: «Meine Müdigkeit.» Der Uniformierte lacht und winkt ihn durch.

 

Zu offenem Widerstand haben diese Missstände bisher kaum geführt. Es gibt zwar seit einiger Zeit wöchentliche Kundgebungen. Einmal richten sie sich gegen die eine, dann gegen die andere Partei. Doch sie sind eine Farce. Die jungen Demonstranten werden dafür bezahlt, auf die Strasse zu gehen. Es heisst, viele von ihnen demonstrierten diesen Samstag gegen den einen Politiker, nächsten Samstag gegen seinen Rivalen. «Die Politik ist zu einem Unternehmen geworden», sagt ein Funktionär, der wie die meisten Gesprächspartner anonym bleiben möchte. «Wer es zu Geld gebracht hat, wechselt in die Politik, denn die ist noch lukrativer als die Wirtschaft. Man kauft sich die Stimmen, und nachher schaut man, wie man das Geld für diese Investition wieder hereinholen kann.» Später, sagt er, müsse man seine Wähler bei Laune halten. Wolle einer nun plötzlich den Saubermann markieren, habe er nicht nur seine riesige Verwandtschaft, die auf sein Geld zähle, sondern auch die Klientel, die ihn auf seinen Sitz gehievt habe, gegen sich.

 

Einige glauben durchaus an die guten Absichten von Präsident Vaz. Aber, beteuern sie, unter den momentanen Gegebenheiten sei es fast unmöglich, integer zu bleiben. «Alle sitzen im selben Boot, alle haben Dreck am Stecken», sagt der Funktionär. «Wird einer fallengelassen, kann er die andern verpfeifen. Also hält man zusammen.»

 

Aus dem NZZ-E-Paper vom 27.09.2017